Gestaltung von Außengeländen in KindertagesstättenIm Rahmen der PISA -Diskussion wird auch von den Kindertagesstätten ein erhöhter "Bildungsbeitrag" erwartet. Die konsequente Umsetzung derartiger Frühförderansprüche hat letztlich auch Konsequenzen für die Gestaltung der Tageseinrichtungen und es muss somit auch erneut über die Bedeutung des Außengeländes nachgedacht werden. Dies vielleicht weniger nur unter Gestaltungsgesichtspunkten als vielmehr auch unter Nutzungsaspekten. Gerade bei letzteren ist derzeit in den Einrichtungen eine gewisse Unruhe zu beobachten. Parallel zum Anspruch nach frühschulischem Lernen macht sich bei den Eltern hinsichtlich möglicher Gefahren auf dem Außengelände z.T. eine gewisse Grundängstlichkeit bemerkbar. Dabei werden alltägliche Gefahren wie Stürze, Insektenstiche etc. sehr stark überbewertet und der Außenaufenthalt recht kritisch gesehen. Diese Denkweise führt u.a. zu einem sehr hohen Sicherheits- und Aufsichtsanspruch, wodurch der Lernnutzen des Spielens im Spielraum Außengelände gerade gegensätzlich zum bestehenden Bildungsbemühen eingeschränkt werden kann. Auch der Planer/ die Planerin kommt also nicht umhin, die Nutzergruppe „pädagogisch“ zu betrachten. Besonders eignet sich hierzu ein Blick auf die Entwicklungseigenschaften der Altersgruppe 3 – 6 Jahre, dem klassischen Kindergartenalter. Schwerpunktmäßig lässt sich dabei fest stellen:
Bewegungsfähigkeit, Wahrnehmung und kognitive Fähigkeiten dieser Altersgruppe sind also noch nicht ausgereift. Dies mag nun zunächst nicht sonderlich verwundern, bekommt aber dann doch eine erhebliche Bedeutung, wenn wir die Verknüpfung dieser Funktionen untereinander betrachten.
Wie wir in Abb.1 entnehmen können, ist das derzeit so vordergründig akzentuierte Bildungsziel "Lernen" eng verknüpft mit Wahrnehmung und Motorik, die aber -wie bereits erläutert- im Kindergartenalter noch gar nicht vollständig entwickelt sind. Der Wunsch nach frühzeitigen "schulischen Lernen" muss dies berücksichtigen. Es ist daher mehr als nahe liegend der Entwicklung von Motorik und Wahrnehmung den angemessenen Zeitraum (im wahrsten Sinne des Wortes: Zeit und Raum) zu gewähren, um damit die Grundlage für ein erfolgreiches (späteres) Lernens zu schaffen, anstatt auf noch nicht vollständig entwickelte Grundfähigkeiten unangepasstes vorschulisches Lernen aufzusatteln. So banal dies klingt und eigentlich auch ist, kann man in der Praxis leider immer wieder fest stellen, dass "gerne" geradezu gegensätzlich gehandelt wird. Wir sollten uns von diesen falschen Lernvorstellungen verabschieden und uns den "Luxus gönnen" Kinder spielerisch ihre Wurzeln entwickeln zu lassen und damit den Grundstock für eine hohe Lernfähigkeit zu legen. Anforderungen an ein AußengeländeDas Außengelände ist vordergründig zunächst ein Spielraum. Wie wir aber bereits erkannt haben, ist dieses Spielen mehr als zweckfreie Zeit, es ist auch wesentlicher Motor der kindlichen Entwicklung. Das Gelände (der Spielraum) muss deshalb alterspezifische Möglichkeiten bzw. Anreize bieten. Wie dies in der praktischen Umsetzung aussieht, ist letztlich planerisches Geschick. Ein Königsweg ist hierbei sicher eine Planung, die das pädagogische Wissen der ErzieherInnen und das technische Können des Planers/ der Planerin vereint. Hierzu bedarf es seitens der Planenden jedoch Einfühlungsvermögen, pädagogischen Interesses und vor allem Bereitschaft zur Moderation. Unabhängig hiervon gibt es jedoch gewisse Grundanforderungen, die strukturelle Planungshilfen sein können. Diese resultieren aus den elementaren Eigenschaften des Spielens, wie:
Diese Aktivitäten sollten daher -natürlich bezogen auf die speziellen Anforderungen einer Einrichtung- geeignete Entfaltungsmöglichkeiten erhalten. Wir wollen hier exemplarisch nun die Bewegung und Bewegungsangebote näher betrachten. Bewegung Schulisches Lernen ist erst möglich, wenn z. B. bestimmte feinmotorische Abläufe in ihrer Entwicklung „abgeschlossen“ sind. Erst die Koordination vieler verschiedener Muskelbereiche geben dem Kind die Sicherheit sich an neue Aufgaben heranzuwagen. Je älter Kinder werden, um so sicherer und zielgerichteter sind ihre Bewegungen, die sich dann auch auf andere Situationen übertragen lassen, so ist z.B. das harmonische Zusammenspiel von Bewegung und Wahrnehmung eine Grundvoraussetzung für die sichere Teilnahme amStraßenverkehr. Kurzum, Bewegung ist ein wesentlicher Teil der kindlichen Entwicklung und bedarf daher besonderer Berücksichtigung bei der Gestaltung eines Außengeländes. Bewegungsangebote Vielfältige Bewegungsanreize mit hoher Akzeptanz bieten grundsätzlich alle Formen der Geländemodellierung. Hügel, Wälle und Mulden sind die natürlichen Höhenformationen und bieten viele Bewegungsmöglichkeiten wie Steigen, Rutschen, Balancieren und sogar Rodeln. In Verbindung mit einfachen Geräten wie Brücken, Rutschen, Seilrampen und Balancierseilen können ideale Bewegungsangebote geschaffen werden, die am ehesten einem natürlichen Spielraum nahe kommen. In Verbindung mit einer geeigneten Bepflanzung stellen diese Formationen natürlich weit mehr dar als reine Bewegungsangebote. Bei sehr kleinen Geländen sollte das Anlegen von Hügeln sorgfältig abgewogen werden. Die Flächenbelastung (Bodenverdichtung durch das Begehen) ist meist so groß, dass eine Bepflanzung nur kurzzeitigen Bestand hat und der Hügel nach relativ kurzer Nutzung kahl ist und auch so bleibt. Dies muss nun nicht unbedingt ein Problem sein, kann aber zu einem ständigen Wartungsaufwand führen, in dessen Folge diese Hügel gerne wieder entfernt werden. Fahrzeuge wie Dreiräder oder Roller werden ebenfalls gerne von Kindern angenommen. Die leider oft anzutreffenden monotonen „Fahrterrassen vor den Gruppen“ bieten hier leider nur sehr begrenzte Möglichkeiten und sollten, wann immer machbar, durch Fahrwege ersetzt werden. Bei deren Anlage bietet die Geländemodellierung mit integrierten Fahrwegen ebenfalls hervorragende Möglichkeiten zur Schaffung eines Rundfahrweges, so dass die Kinder ihr Gelände im wahrsten Sinne des Wortes „Erfahren“ können. Diese Wege können aus den unterschiedlichsten befahrbaren Materialien bestehen und bieten somit noch gleichzeitig weitere Anreize. Beim Anlegen der Wege ist unbedingt auf angemessene Steigungsverhältnisse zu achten, zu steile Anfahrten nehmen den Bewegungsanreiz und stellen bei der Abwärtsfahrt möglicherweise eine Gefahrenquelle dar. Unabhängig von allen Moden und Entwicklungstendenzen hat sich ein Spielgerät völlig unverändert in der Beliebtheit der Kinder erhalten und sollte daher auf keinem Spielgelände fehlen - die Schaukel. Die Schaukel bietet mit ihrem rhythmischen Wechsel zwischen Fallen und Steigen, zwischen Unsicherheit und Gefangenwerden für Kinder faszinierende Möglichkeiten. Über das Schaukeltempo kann dieser Wechsel vom zaghaften Hin und Her bis zum verwegenen Sturz und Wiederaufstieg erlebt werden, so dass die Schaukel- wie kaum ein anderes Gerät- Eroberungspotential aufweist und das Kind deutlich die eigenen Fortschritte erleben lässt. Wann immer realisierbar, sollte daher eine Schaukelmöglichkeit geboten werden. Insbesondere bei kleinen Geländen können hierbei Schaukeln für mehrere Nutzer (Vogelnest, Hängematte) sinnvoll sein. Abschließend sei angemerkt, dass bei der gesamten Planung, aber ganz besonders bei der Planung von Bewegungsangeboten die Frage, was brauchen ganz speziell diese Kinder, dieser Einrichtung und wie können wir es anbieten, dass es von diesen Kindern angenommen und genutzt wird, im Vordergrund stehen sollte. Sicherheit auf dem Außengelände Selbstverständlich muss das Risiko der jeweiligen Altersgruppe entsprechend sein und genauso selbstverständlich müssen schwere Verletzungen wie der Verlust von Gliedmaßen, bleibende Schädigungen oder gar tödliche Verletzungen vermieden werden. Grundsätzlich kann Risiken durch Technik, Aufsicht oder „sicheres“ Verhalten bzw. einer Kombination dieser Maßnahmen begegnet werden. Die Wichtung der Faktoren unterliegt einem steten Wandel. Derzeit sind Tendenzen zu erkennen durch technische Maßnahmen und umfassende Aufsicht nahezu jedes Verletzungsrisiko auszuschließen. Dieser nun zunächst verständliche Wunsch missachtet aber, dass verhaltensbezogene Sicherheit nur im Umgang mit Gefahren entwickelt werden kann und hierbei selbstverständlich im Sinne von Lernprozessen auch Verletzungen auftreten werden. Die Planung muss dies in angemessener Form berücksichtigen, d.h. Sicherheit bedeutet nicht, dass nach abgeschlossener Planung quasi ein „Sicherheitsscanner“ den Plan prüft und hier und da ein paar Maße korrigiert. Sicherheit muss vielmehr integraler Bestandteil der Planung sein. Das bedeutet im Detail:
Während die beiden erst genannten Punkte im Rahmen der Planung eine gewisse Dynamik zueinander aufweisen können, ist die Normenkenntnis ein statischer Fakt. Wir wollen hier nun nicht die Norminhalte wiedergegeben, dafür existiert umfangreiche Literatur. Es muss aber vor dem Versuch mancher Planer gewarnt werden, sich an dieser Norm sozusagen vorbei schummeln zu wollen. Dies widerspricht zum einen einer pädagogisch reflektierten Planung, bringt ggf. Probleme bei der Geländenutzung und führt nicht selten zu teuren und auch nicht immer sehr ansprechenden Nachrüstungen. Der mit der Norm vertraute Planer kann dies vermeiden und wird darüber hinaus erkennen, dass die Norm trotz vieler Detailregelungen grundsätzlich ausreichenden Gestaltungsspielraum bietet.
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